An den Autor: Erinnerung darf nicht zu Vergeltung werden
Herr Kerr,
der Satz „revenge is a dish best served cold“ mag als kulturelle Redewendung bekannt sein; Shakespeare hat ihn jedoch nicht geprägt. Die heute bekannte Formulierung ist wesentlich jünger und lässt sich im Englischen spätestens im 19. Jahrhundert nachweisen. Bei Shakespeare findet sich dagegen sehr wohl die Auseinandersetzung mit Rache – gerade The Merchant of Venice zeigt, wie gefährlich der Übergang von erlittenem Unrecht zu Vergeltung werden kann. (Wiktionary)
Auch Ihre historischen Ausführungen über jüdische Flüchtlinge aus arabischen und muslimischen Staaten enthalten einen realen und wichtigen Kern: Nach 1947/48 kam es in mehreren Ländern zu schweren antijüdischen Ausschreitungen, Diskriminierung, Enteignungen, Verhaftungen und Flucht. Michael Fischbach dokumentiert, dass in den folgenden zwei Jahrzehnten etwa 800.000 Juden ihre Heimatländer in der arabischen Welt verließen; zugleich betont er, dass die Ursachen von Land zu Land unterschiedlich waren. (Columbia University Press)
Gerade deshalb sollte man wissenschaftlich präzise bleiben. Die Formel von einer einheitlich geplanten, zentral gesteuerten „ethnischen Säuberung“ durch sämtliche arabischen Regierungen und gar einer Gleichsetzung mit dem Holocaust ist keine historische Schlussfolgerung, die sich ohne weitere Differenzierung aus den verfügbaren Quellen ergibt. Historische Verantwortung ist nicht weniger ernst, wenn man sie präzise beschreibt.
Ebenso problematisch ist die Behauptung, die UN-Charta sei wegen politischer Doppelmoral „bullshit“. Dass internationale Organisationen politischem Einfluss, Machtinteressen und Blockbildung unterliegen können, ist eine legitime Kritik. Daraus folgt aber nicht die Nichtexistenz des Völkerrechts. Die UN-Charta verpflichtet Staaten ausdrücklich zur friedlichen Streitbeilegung; Art. 33 nennt Verhandlung, Vermittlung, Schiedsverfahren und gerichtliche Regelungen. (Vereinte Nationen)
Und mathematisch ist Ihr Vergleich mit Euklids fünftem Postulat nicht haltbar: Dass eine geometrische Theorie durch andere Axiomensysteme erweitert oder ersetzt werden kann, bedeutet nicht, dass empirische Evidenz „falsch“ sei. Geometrische Axiome sind formale Voraussetzungen; empirische Aussagen sind durch Beobachtung, Messung und Falsifizierbarkeit prüfbar. Beides zu vermischen, ist wissenschaftstheoretisch ein Kategorienfehler.
Auch die Unterscheidung zwischen „Juden“ und „Rasse“ verdient Präzision. Juden sind keine biologische „Rasse“ im nationalsozialistischen Sinn. Sie bilden jedoch eine historisch gewachsene ethnisch-religiöse und kulturelle Gemeinschaft mit unterschiedlichen religiösen, säkularen, sprachlichen und nationalen Identitäten. Genau diese Vielfalt macht pauschale Aussagen über „die Juden“, „die Araber“ oder „die Gojim“ wissenschaftlich problematisch.
Vor allem aber sollte Rache niemals zum politischen oder religiösen Prinzip werden. Das jüdische Recht kennt nicht nur Vergeltung, sondern auch Recht, Zeugenschaft, Verfahren und Begrenzung staatlicher Gewalt. Die moderne Rechtsordnung ersetzt persönliche Vergeltung durch rechtsstaatliche Verantwortlichkeit. Im humanitären Völkerrecht gilt deshalb ebenfalls der Grundsatz der individuellen Verantwortlichkeit; Kollektivstrafen sind verboten. (ICRC IHL Databases)
Das ist auch ethisch und religiös entscheidend: „Auge um Auge“ ist keine Lizenz zur grenzenlosen Vergeltung. Die menschliche Zivilisation besteht gerade darin, erlittenes Unrecht nicht durch neues Unrecht zu reproduzieren.
Die jüdische Geschichte verlangt deshalb zweierlei Erinnerung: Wir dürfen die Verfolgung und Vertreibung jüdischer Menschen aus arabischen Ländern weder leugnen noch relativieren. Aber dieselbe moralische Elle muss auch für palästinensische Flüchtlinge, israelische Zivilisten und alle anderen Opfer gelten.
Erinnerung ohne Rache, Recht ohne Kollektivschuld und Kritik ohne Entmenschlichung – darin liegt die eigentliche Lehre aus der Geschichte.
Quellen: UN-Charta, Art. 33; IKRK, Regeln des humanitären Völkerrechts; Michael R. Fischbach, Jewish Property Claims Against Arab Countries (Columbia University Press); US Holocaust Memorial Museum; historische Forschung zur Entstehung des Rache-Sprichworts.
-H.Gamma